Personal story: Wenn du selbst verloren gehst und dich wiederfindest – Die Geschichte einer Klientin

Intro von Anna

Wir unterbrechen die Gehirnchemie Reihe heute, da dieses Wochenende im Zeichen der Cardiobunnies steht und ich dies einer Klientin widmen möchte, die vor ca. einem Monat ebenfalls ein 24h Rennen bestritten hat, welches auch eine symbolische Bedeutung für sie hatte und auch den letzten Knoten im Kopf gelöst hat.

Mal abgesehen davon, dass sie mir sehr ans Herz gewachsen ist, war ihre Entwicklung auf allen Ebenen einfach enorm. Begonnen haben wir mit einem reinen Ernährungscoaching, mit dem Ziel ihr aus der Bahn gelaufenen Essverhalten wieder zu stabilisieren.

Doch wie sooft ist das Essverhalten eben nur ein Symptom, ein Resultat & ein Copingmechanismus, für vieles, was zuvor auf ganz anderen Ebenen schief gelaufen ist und verdrängt wurde.

Aus einem Ernährungscoaching ist neben einem Trainingscoaching auch ein Lifecoaching geworden. Wie eigentlich immer. Es hängt eben einfach alles zusammen und Coaching ist primär eben einfach Psychologie, kein trockener Wissenstransfer.

Als sie zu mir kam, war sie in vielen Bereichen sehr unsicher, hat ihre eigenen Gedanken und Ängste so sehr zerdacht, dass sie zur selbsterfüllenden Prophezeiung wurden und sie so gar keine positiven Erfahrungen sammeln konnte, die ihr zeigen, wer sie wirklich sein kann, wenn sie ihre Glaubenssätze & ihre Vergangenheit hinter sich lässt.

Meine Gehirnwäschen sind zwar inzwischen bekannt, aber dennoch liegt es am Ende immer in der Hand der Klientin, ob sie sich in die richtige Richtung schubsen lässt. Denn es impliziert stets eine Konfrontation mit den schmerzhaftesten persönlichen Baustellen. Dazu kann man niemanden zwingen. Man kann nur die Hand reichen und hoffen, dass der- oder diejenige selbst in den Spiegel sieht. Wer das nicht kann, dem kann man nicht helfen. Und das hat sie. Mission accomplished.

Wenn du selbst verloren gehst und dich wiederfindest

Siehst du mich in meinem Beruf oder auf diversen social Media Profilen, siehst du da einen glücklichen, positiven Menschen, der sein Leben in vollen Zügen genießt, aktiv ist und Spaß am Leben hat. Ja, so scheint es. Doch wie wir alle wissen – Schein ist nicht gleich sein. Lange Zeit hatte ich keinen Zugang zu mir und meinen Gefühlen, warum das so war und wie ich wieder zu mir fand – erzähle ich dir hier. 

Ich bin 31 Jahre alt und mit Sport und Ernährung verband ich jahrelang nichts Positives. Ich wuchs als jüngste von drei Schwestern auf. Inmitten von Essstörungen und Depressionen versuchte ich erwachsen zu werden.

Um selbst zu verstehen wo ich mich verloren hatte und um mich wiederzufinden, musste ich weit zurückschauen und auch in die staubigen Ecken meiner Vergangenheit blicken. Ich hatte grundsätzlich eine glückliche unbeschwerte Kindheit. Doch viel zu früh musste ich lernen Verantwortung zu übernehmen. Niemals stellte ich das in Frage – ich übernahm die Aufgabe die mir gegeben wurde und schützte was ich schützen konnte. Um zu schützen was es zu schützen galt, lernte ich die Befindlichkeiten meiner Mitmenschen zu lesen, mich dem anzupassen und zu reagieren, wenn es galt zu reagieren. Die Bedürfnisse, Träume und Wünsche der Anderen wurden meine Priorität.

Ich funktionierte in meiner Rolle perfekt, so perfekt das ich bereits in jungen Jahren einen sehr verantwortungsvollen Job übernahm. Denn Verantwortung übernehmen, Befindlichkeiten lesen und richtig Reagieren – das konnte ich. Wie es das Schicksal so wollte lernte ich in der Sozialbranche und arbeitete mit psychisch Erkrankten. Ich blühte auf. Hier konnte ich all das anwenden, was ich schon über Jahre Perfektionierte. Auch heute würde ich noch immer behaupten, es war mein Traumberuf. Meine Freizeit reduzierte sich auf ein Minimum, was mich aber nie störte, schließlich machte ich andere Menschen mit meinem Dasein glücklich – mein Leben schwappte über vor Sinnhaftigkeit und ich vermisste nichts. Beziehungen, Freundschaften und Menschen kamen und gingen.

Ich bildete mich fort, studierte und war stets bemüht mich um meine Karriere zu kümmern (doch niemals würde ich mich als Karrierefrau beschreiben), für andere da zu sein und zu funktionieren. Ich funktionierte gut. Ein Ziel folgte dem nächsten: Abitur nachholen, Bachelor, Master, Halbmarathon. Halbmarathon? ab hier begann meine Reise – meine Reise auf der Suche nach mir selbst.

Zurück in meine Kindheit. Sport? Bewegung? Fehlanzeige. Schwimmen, ja schwimmen war super, denn hier konnte ich als Rettungsschwimmerin wieder in meiner Rolle aufgehen – mich um andere Kümmern, Verantwortung übernehmen und Reagieren. Andere sportliche Aktionen mied ich hingegen immer. Bundesjugendspiele, Schulsport oder Vereinssport bedeuteten für mich Qual, Blamage und scheitern. Ich erinnere mich noch gut, als wir im Schulsport die Wahl hatten im Bodenturnen eine Choreografie einzuüben, bei der wir selbst festlegen konnten, welche Schwierigkeitsstufe und damit auch welche Note wir erreichen wollten. Ehrgeizig wie ich war wählte ich dir Drei – Befriedigend – reicht doch! Ich schaffte ein befriedigendes Ergebnis mit dem Zusatz „das war knapp an der vier vorbei“ – meine Motivation sank auf ein Minimum mich überhaupt noch im Unterricht blicken zu lassen. Koordination und weiche Bewegungen waren nie meine Stärke. Das ist heute noch so.

Ich strebte stets nach neuen Herausforderungen und nachdem nach meinem Master beruflich erstmal nichts mehr kam, entdeckte ich den Sport – das wovor ich mich früher stets und ständig drückte. Ich traute mir sportlich gesehen aufgrund meiner Vergangenheit nichts zu. Beneidete Menschen um ihren Mut und vor allem um die sportlichen, schlanken Körper. Ich zählte mich nie zu den Menschen die dem entsprachen – ich war schon immer eher quadratisch und stabil gebaut. Ich erfüllte damit kein gängiges Schönheitsideal. So sehr und oft ich es wollte und mit Diäten versuchte meinen Vorbildern nachzueifern, von schlank und sportlich war ich weit entfernt.

Doch der Sport machte etwas mit mir, was ich lange Zeit nicht erkannte: Das erste Mal in meinem Leben war ich bei mir, ich konnte und wollte mit mir und meinen Gedanken alleine sein. Neben dem Laufen entdeckte ich den Kraftsport für mich. Ich war zwar Jahre zuvor schon in diversen Fitnessstudios und quälte mich dort an den Maschinen, aber von Leidenschaft und Hobby war ich auch da noch weit entfernt. Der Kraftsport an der Lang- und Kurzhantel war anders. Es machte mir Spaß die Gewichte zu bewegen, neue Übungen zu erlernen und auch an meinem Körper und in meinem Kopf bemerkte ich Veränderung. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich etwas gefunden bei dem es nur um mich ging. Doch so sehr mich der Sport begeisterte, so schnell bekam ich auch die Schattenseiten der Fitnessszene mit. Das Perfektionieren sämtlicher Problemzonen steht im Mittelpunkt und meine Vergangenheit, Instagram und die endlosen Vergleiche taten ihr Übriges. 

In meiner Kindheit und Jugend schon spielte Essen und Ernährung eine große Rolle, ich lernte schon früh, dass ich, anders als meine Schwestern war. Ich war nicht so zierlich, sondern war im Vergleich zu anderen Kindern größer und kam sehr früh in die Pubertät. Mein Körper veränderte sich rasant und meine Schwestern pubertierten vor sich hin. Ständig wurde in meinem Umfeld Selbstkritik geäußert, Essstörungen in der Familie waren mein Alltag – niemand konnte und wusste es damals besser. Ich jedoch saugte diese Bilder und Worte auf. Meine Mama, meine Schwestern, meine Rollenvorbilder; kein Tag verging ohne einen kritischen Blick in den Spiegel.

Zu allem Übel war ich es ja, die dem Ideal am wenigsten entsprach. Ich war dadurch bereits in sehr jungen Jahren sehr unzufrieden mit meinem Körper und neben all dem Perfektionismus war Essen eine emotionale Stütze die mir half zu überleben. Die Selbstkritik die ich übte musste ich nicht offen aussprechen, nein das übernahmen andere für mich. Sätze wie „die mit dem dicken Hintern“ waren mein Alltag. Auf Familienfeiern war immer ich die, die ein Urteil über den Körper zu hören bekam. Das ist noch heute so. 

Nachdem das Laufen und das Krafttraining immer mehr Platz in meinem Alltag einnahmen, war auch die vermeintlich perfekte Ernährung ein Teil meiner Entwicklung. Und hier entwickelte sich ein Teufelskreis aus noch mehr Diäten, Vergleichen, Abnahme, Essanfälle, Zunahme. Mein Umfeld bekam von all dem nichts mit oder kannte es nicht anders. Denn es drehte sich in meinem Leben seit Jahren immer wieder um Ernährung und Diäten, es fiel niemanden auf wie sehr ich innerlich kämpfte. Durch das hohe Trainingsvolumen, schlitterte ich jedoch auch immer tiefer in die Ernährungslüge. Hier ein Pulver, dort ein Shake und dazwischen den Riegel. Soll ja alles schön machen. Schön unglücklich. 

Und dann kam Anna. Ich las bereits vor dem Coaching sehr viel und versuchte immer wieder mich selbst aus dem Ernährungskampf zu retten. Probleme alleine lösen konnte ich nämlich auch sehr gut. Essen half mir immer dabei. Und genau hier lag mein Problem. Dieses Problem konnte ich nicht lösen. In den letzten Monaten lernte ich so viel über mich und meine Geschichte. Ich lernte an mich zu glauben. Nicht zu vergleichen. Ich lernte mich zu lieben. Nicht die Probleme zu fokussieren. Ich lernte das Routinen mir helfen eine Balance zu halten. Nicht schwarz-weiß zu denken. Ich lernte das ich wertvoll bin. Nicht der Fitnessbarbie und ihren Pulvern zu glauben. Ich lernte mich kennen. 

Mein Ziel abzunehmen um jeden Preis wurde ersetzt. Ich wollte ein gesundes, ausgewogenes und befreites Essverhalten aufbauen. Eine Normalität spüren die ich die Hälfte meines Lebens nicht hatte. Mir wurde klar, dass ich ein jahrelanges Diäten nicht in wenigen Wochen ablegen konnte. Es bedeutete ein Auseinandersetzen mit mir selbst, weit über das Essen hinaus. Glaubenssätze die ich mein Leben lang in meinem Kopf behütete, durften weichen. Aus der Dauerschleife „Ich kann das nicht“ wurde ein selbstbewusstes „Ich kann das“. So wuchs ich in den letzten Wochen mental und physisch oft über mich hinaus.

Ich fing an meine negativen Gedanken über mich und mein Können zu hinterfragen und stellte vieles davon in Frage. Besonders auch der Sport rückte mehr und mehr in den Fokus.

Neben dem Ernährungscoaching verspürte ich den Wunsch auch mein Training von Anna begleiten zu lassen. Meinen Glaubenssätzen sei Dank, war ich überzeugt, dass ich eine schlechte Läuferin war und große Plates im Krafttraining auf meiner Langhantel nichts zu suchen hatten. Ich fing mit einem optikorientierten Trainingsplan an und integrierte das Laufen wieder mehr in meinen Alltag. Das hatte ich nach meinem Halbmarathon vollständig aus meinem Leben gestrichen. Vom Laufen bekommt man schließlich keinen Booty.

CrossFit war nach wie vor Teil meiner Trainingseinheiten und insgeheim wusste ich, dass mein Inneres am Ausdauertraining hängt. Doch Vergleiche und meine Gedanken um das vermeintlich perfekte Aussehen hielten mich weiterhin zurück hier mehr Zeit zu investieren. 

Durch einen verrückten Zufall kam es, dass Laufen wieder den Großteil meines Trainings einnehmen sollte. So trainierte ich auf ein Lauf-Event hin, bei dem ich in 24 Stunden mit einem Team aus zehn Personen im Staffellauf 250km zurücklegen sollte.

Für mich war klar, die Herausforderung will ich annehmen – irgendwo tief in mir schlägt ein Läuferherz. Ich bereitete mich zehn Wochen auf das Event vor. Insgesamt legte ich 260km zurück, trainierte dreimal die Woche und auch an manchen Tagen mehrmals am Tag. Ziel war es innerhalb der 24 Stunden körperlich in der Lage zu sein drei Läufe zu absolvieren. Ich hatte bereits Wochen zuvor großen Respekt vor dem Tag – nicht wegen der Laufeinheiten, auf die freute ich mich. Ich wusste, dass es mental und körperlich eine besondere Challenge für mich sein wird, da ich voraussichtlich mitten in der PMS stecken werde. Ich musste mich von vornherein auf eine bedeutend schlechtere Performance einstellen. Meine Laufdistanzen bekam ich zugeteilt: 12,6km am Nachmittag, 7,6km in der Nacht und 6,3km am frühen Morgen. Die Distanz an sich machte mir keine Sorge die Wettervorhersage dagegen schon. Es sollte über 30°c in Hamburg sein. Ich wusste ich werde kämpfen. Die Kombination aus PMS und den gemeldeten Außentemperaturen machten mir Angst.

Ich wusste nicht wie mein Körper reagieren wird, geschweige denn mein Kopf. Und so lief ich bei 30°c meine 12,6km in einer für mich sehr schlechten Geschwindigkeit. Nach bereits 4km wurde deutlich, dass mein einziges Ziel sein wird, diesen Lauf gesund zu überstehen. Und so kämpfte ich Kilometer um Kilometer. Ich kann mich nicht erinnern jemals zuvor so an meine mentale und körperliche Grenze gegangen zu sein. Ich hatte Angst mein Team im Stich zu lassen und mich zu enttäuschen. Ich wusste bereits während dem Lauf nicht wo ich diese Gefühle einordnen sollte. Ich hasste diesen Lauf. Ich war enttäuscht.

Doch als ich den Staffelstab nach 12,6km übergeben konnte, waren diese erdrückenden Gefühle vollständig verfolgen. Ich war glücklich. Ich war stolz. Für mich war klar, dass mich keiner der anderen beiden Läufe so fordern wird – ab dem Moment an fühlte sich alles leicht an. 

Im Zug nach Hause erkannte ich, dass ich durch das Laufen endlich zugelassen habe, meinen eigenen Weg, fernab von all den Instagram Fitness-Dogmen, zu gehen. Besonders im Laufen und im CrossFit spüre ich wie unwichtig es ist wie mein Körper aussieht –  First it´s just about building muscles and beauty but then you realise it´s so much more. 

Rückblickend spüre ich insgesamt eine große Veränderung in mir. Ich komme mir und meinen innersten Wünschen immer näher. Ich kann meine Vergangenheit anerkennen und weiß, dass mich all die Erfahrungen zu dem Menschen haben werden lassen der ich heute bin. Ich bin kein Opfer meiner Vergangenheit. Ich bin verantwortlich für meine Zukunft. Die Kommentare auf den Familienfeiern werden nicht weichen. Doch was gewichen ist, ist die Reaktion und mein inneres Gefühl dazu. Ich entscheide selbst wer ich bin und wohin mein Weg geht. Welche Rolle die Ernährung und der Sport in meinem Leben spielen. Welche Gedanken Raum einnehmen dürfen und wann es Zeit ist mich mal wieder selbst zu bremsen.